11. April 2022Lockerungen gefährden die Betreuung

Die Lebenshilfe sieht einen Widerspruch zwischen dem Pandemie-Verlauf und dem Wegfall der Corona-Schutzmaßnahmen.

Auf der einen Seite stehen die höchsten Inzidenzen der letzten zwei Jahre, auf der anderen Seite wurden mit den Änderungen im Infektionsschutzgesetz und der daraus resultierenden Niedersächsischen Corona-Verordnung in der vergangenen Woche zahlreiche Schutzmaßnahmen gelockert oder sind komplett entfallen. Die neuesten Entwicklungen bedeuten für viele Menschen eine Zurückgewinnung ihrer alten Freiheiten. Für andere macht dieser Widerspruch zwischen Lockerung und hohen Infektionszahlen es jedoch umso schwerer – wie beispielsweise für die Betreuten und Mitarbeitenden der Lebenshilfe Syke.

Die Lebenshilfe hat für den Schutz der Menschen in ihren Einrichtungen Sorge zu tragen. In der aktuellen Situation können sich die Mitarbeitenden beim Schutz der Menschen mit Beeinträchtigung, die zu den besonders vulnerablen Gruppen zählen, jedoch nicht mehr auf die politischen Vorgaben verlassen, sondern müssen selbst entscheiden, wie sie für die Sicherheit ihrer Betreuten sorgen.

Die Lebenshilfe Syke ist Träger von 20 Einrichtungen. In den ambulanten Diensten, Kitas, Tagesbildungsstätten und Wohneinrichtungen werden rund 1400 Kinder, Jugendliche und Erwachsene betreut. Ganz besonders betroffen von den aktuellen Entwicklungen sind die Wohnheime der Lebenshilfe. Gruppenschließungen bei hohen Infektionszahlen sind dort nicht möglich, es handelt sich schließlich um das Zuhause der Menschen. „Die zahlreichen Lockerungen im privaten Bereich können unsere Bewohner nicht so einfach für sich übertragen und nutzen“, erklärt Geschäftsführer Volker Hinte. „Ganz im Gegenteil: Alle Menschen, für die das Coronavirus eine hohe Gefahr birgt, müssen nun noch vorsichtiger sein als zuvor – sich teilweise sogar wieder mehr isolieren.“

Die immer noch extrem hohen Inzidenzen bedeuten nicht nur ein gesundheitliches Risiko für Menschen mit Beeinträchtigung. Sie führen darüber hinaus auch zu besorgniserregenden Personalengpässen in den verschiedenen Einrichtungen. Die Lebenshilfe Syke hält daher vorerst alle bestehenden Schutzmaßnahmen in ihren Einrichtungen aufrecht. Dies ermöglicht die neue Corona-Vorordnung insofern, als dass die Einrichtungen ihr Hausrecht geltend machen können. Daneben rief der Krisenstab alle Mitarbeitenden auf, sich weiterhin umsichtig zu verhalten, um den Schutz der Betreuten zu sichern. „Wir sind alle aufgefordert, auch weiterhin achtsam und vorausschauend zu handeln“, so Hinte.

Die aktuelle Widersprüchlichkeit der politischen Situation und die Weitergabe der Verantwortung an die Bürgerinnen und Bürger sowie an die Einrichtungsträger, macht es derzeit sehr schwierig für Sicherheit und gleichzeitig Akzeptanz zur sorgen.

Auch der Landesverband der Lebenshilfe beschäftigt sich mit den derzeitigen politischen Entscheidungen. Aus seiner Sicht fehlt weiterhin die öffentliche Anerkennung von Menschen, die in Bereichen der Eingliederungshilfe innerhalb der letzten Jahre engagiert versucht haben, die Corona-Lage aufzufangen: „Zwischen dem Anspruch auf selbstbestimmte Teilhabe und Corona-Schutzmaßnahmen war das vielfach eine Gratwanderung, die da gefordert wurde. Dies war und ist kräftezehrend. Wir können nicht verstehen, warum gerade unsere Kolleginnen und Kollegen nicht zumindest dafür eine Corona-Prämie verdient haben“, sagt der Landesgeschäftsführer der Lebenshilfe Niedersachsen Frank Steinsiek.
 
Gleichzeitig stellt Steinsiek die Frage, ob das gesellschaftliche Solidaritätsprinzip, das in der Pandemie so lange getragen wurde, nun nicht mehr gilt. „Während bei unseren Mitgliedsorganisationen aufgrund des hohen Krankenstandes droht, dass Menschen mit Beeinträchtigungen keine Unterstützung erhalten, werden auf der anderen Seite fast alle Maßnahmen fallen gelassen. Das passt aus meiner Sicht nicht zusammen und belastet unsere Kolleginnen und Kollegen umso mehr“, meint Steinsiek weiter.

Mit der Entwicklung der Pandemie müsse umgegangen werden. Es müssen schwere Entscheidungen und immer wieder neue Regelungen getroffen werden, resümiert der Geschäftsführer der Lebenshilfe Syke, Volker Hinte. Diese dürften jedoch nicht die Betreuung und die Gesundheit der Menschen gefährden, die besonders auf den Schutz und die Solidarität der Gesellschaft angewiesen sind. Eine Corona-Schutzpolitik, die die besondere Lebenssituation von Menschen mit Behinderung unzureichend berücksichtigt, verstößt gegen die Grundprinzipien der UN-Behindertenrechtskonvention und ist im Ergebnis ausgrenzend.“

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